Ehrenamtliche Mitarbeit

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In dieser Stelle arbeiten zwischen 50-60 Ehrenamtliche aus ganz unterschiedlichen Erfahrungsfeldern und Berufen, die vom Leitungsteam der Stelle ausgebildet und begleitet werden.  

Nach einer einjährigen Ausbildung wenden Ehrenamtliche ungefähr 20 Stunden im Monat für diese Arbeit auf: neben dem Dienst am Telefon gehören regelmäßige Supervision und Fortbildung dazu.  

Die Arbeit der vielen freiwillig Engagierten ist getragen von einem christlichen Grundverständnis: es geht um die aufmerksame Zuwendung zum Mitmenschen, der in Not geraten ist und am Leben leidet. Christliche Spiritualität meint, aufmerksam zu sein für den Nächsten, an den Wert jedes Einzelnen zu glauben und zu hoffen, dass wir nicht verloren sind.  

In der praktischen Arbeit am Telefon bedeutet das ein Sich-Zuwenden in Geduld und Aufmerksamkeit und ein Mitdenken und Mitfühlen. Manchmal muss man am Telefon etwas aushalten an Leid, was nicht zu verändern ist und manchmal ergeben sich aus der Distanz zum geschilderten Problem Ideen, welche nächsten Schritte zur Lösung möglich wären. Es geht darum, die Anrufenden in ihrer Einmaligkeit ernst und wichtig zu nehmen und oft auch das Alltägliche auszuhalten.  

Sich um die Seele der andere sorgen ist immer auch ein Sorgen für die eigene Seele; denn wir stehen alle vor ähnlichen Herausforderungen im Leben und werden von Sehnsucht und Hoffnung getragen und zweifeln und werden mutlos. Dafür Worte zu finden und den Austausch zu suchen – das ist Aufgabe und Ziel der Seelsorge in der Telefonseelsorge.  

 

Erfahrungen einer Ehrenamtlichen

„Menschen begegnen sich auf vielerlei Weise.

Ein Gesprächspartner kündigt sich an. Ich sammle mich kurz, hebe den Hörer ab und melde mich.

Eine Frau..., ein Mann..., Jugendliche..., Kinder...;

Eine Stimme... zögernd..., fragend..., abschätzend..., oft nach Worten suchend... oder auch ein Redeschwall..., hektisch..., schrill..., erreichen mein Ohr.
 

Manchmal höre ich nur leises Weinen, verhaltenes Schluchzen oder es empfängt mich minutenlanges Schweigen. Ich merke, wie meine Umwelt zurücktritt und meine Wahrnehmung sich nur auf den Menschen konzentriert, der versucht, sich mir mitzuteilen. Tastend nähern wir uns einander. Meine anfangs schemenhaften Wahrnehmungen formen sich zu einem skizzenhaften Bild der derzeitigen Lebensumstände meines Gegenübers und lassen mich einen Teil seiner Persönlichkeit erahnen. Mit zunehmendem gegenseitigen Vertrauen betreten wir einen Weg, den wir gemeinsam gehen können. Jenseits von Machbarkeit und klugen Worten – kaum merklich – geschieht Veränderung. Sie kann mir bewusst werden durch eine veränderte Stimmlage meines Gegenübers, durch ein kurzes, wie befreites Auflachen oder durch nachdenkliche Schweigepausen. Meine eigenen Worte entfalten sich wie von selbst aus einer inneren Wahrnehmung heraus, durch die ich zu wissen glaube, was dem anderen gut tut. In der Dunkelheit einer erdrückenden Lebenssituation erahnen wir manchmal neue Möglichkeiten, wie ein schwaches Licht. So können wir zu Weggefährten werden. Ich lege den Hörer auf und halte noch einen Augenblick inne, manchmal dankbar und gestärkt im meinem Tun. Die Erfahrung, einander Mensch gewesen zu sein, ist für mich ein Geschenk.  

Manchmal erschöpfen sich andere Gespräche in oberflächlichen Kontaktversuchen auf beiden Seiten, in hilfloser Resignation oder auch in frustrierendem Ärger. Überzogene Erwartungen, gestörte oder krankhaft beeinträchtigte Wahrnehmungen, das Bestreben, den anderen zu benutzen und die Lust, seine Machtgefühle auszuleben, bewirken auch immer wieder, dass wir nicht miteinander, sondern übereinander und aneinander vorbei reden. Dann stoßen wir an unsere Grenzen und es verändern sich unsere Vorstellungen von unseren Möglichkeiten – wir werden mit der Realität konfrontiert; das kann sehr schmerzlich und manchmal auch notwendig sein.  

Meine Erkenntnis: der/ die Andere und ich, wir brauchen einander, um Mensch zu werden – diese Einsicht war und ist für mich erschreckend und frohmachend zugleich.  

Der Anrufer und ich..., wir verändern uns, denn „jedes Tun trägt in sich den Keim des Neuen.“  

Mitarbeiterin (59 Jahre)